Ist Superfood wirklich so super?

Superfood aus Übersee erobert gerade unseren Kontinent. Produkte wie Chia-Samen, Goji- oder Açaí-Beeren sind mittlerweile praktisch jedem gesundheitsbewussten Menschen ein Begriff. Doch sind die exotischen Nährstoff- und Energielieferanten wirklich so einzigartig und gesund?

Catherina Bernaschina

Superfood

© Alexander Kirch, de.123rf.com

Sie sind vermehrt in unseren Supermarktregalen vorzufinden: Superfoods – exotische Beeren, Früchte, Knollen, Nüsse und Samen, welchen eine gesundheitsfördernde Wirkung nachgesagt wird. Bekannte Beispiele hierzu sind Goji-und Açaí-Beeren, Maca-Wurzel, Macadamia-Nüsse, Chia-Samen, aber auch Avocado. Eine klare Definition für den jungen Marketingbegriff Superfood gibt es nicht. Ganz allgemein gelten Lebensmittel dann als «super», wenn sie viele Nährstoffe enthalten, die für unsere Gesundheit besonders förderlich sind. Wie die exotischen Namen erahnen lassen, stammen die populären Superfoods praktisch alle aus dem fernen Ausland. Sie haben zudem gemein, dass ihnen aussergewöhnlich heilsame Eigenschaften nachgesagt werden, die schon die alten Naturvölker zu nutzen wussten.

Lebensmitteltrend mit Haken

Der Gesundheitsmythos von Superfood scheint bei vielen Konsumenten Anklang zu finden: Gemäss einer Umfrage der British Dietetic Association geben 61 Prozent der Teilnehmenden zu, schon mal ein Nahrungsmittel nur deshalb gekauft zu haben, weil es als Superfood deklariert war. Dabei ist nicht alles an Superfood so super: Da die exotischen Lebensmittel mit gesundheitlichem Zusatznutzen aus der Ferne importiert werden, sind sie relativ teuer und stellen eine Belastung für die Umwelt dar. Unter den langen Transportwegen leidet aber nicht nur die Umwelt, sondern auch die Frische der Produkte. Zudem ist der Anbau von Superfood teils problematisch, wenn man bedenkt, dass etwa Açaí-Beeren aus den Regenwäldern des Amazonas stammen oder die Aufzucht einer Avocadopflanze extrem viel Wasser benötigt (1000 Liter für zweieinhalb Pflanzen).

Regionale Superfood-Alternativen

Wenn du ohne schlechtes Gewissen Superfood geniessen möchtest, haben wir eine gute Nachricht für dich: Für viele Superfoods aus Übersee gibt es heimische Alternativen, die den Exoten in ihrem Nährstoffgehalt in nichts nachstehen. Darüber hinaus sind sie günstiger, frischer und umweltfreundlicher. Ein paar Beispiele:

  • Alternativen zu brasilianischen Açaí-Beeren sind: Rotkabis (Rotkohl), rote Trauben, Holunder und schwarze Johannisbeeren. Sie haben einen ähnlich hohen Gehalt an Anthocyan – ein dunkler Pflanzenfarbstoff, der antioxidativ wirkt und unsere Körperzellen vor freien Radikalen schützt. Auch Heidelbeeren und Blaubeeren sind eine lokale Superfood-Variante. In ihnen stecken viele gesunde Vitamine, Mineralstoffe und Antioxidantien.
  • Alternativen zu Chia-Samen: Chia ist reich an Eisen und Calcium und vor allem an ungesättigten Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren. Unsere regionale Superfood-Alternative dazu sind Leinsamen. Sie haben sogar eine noch höhere Konzentration an Omega-3-Fettsäuren als Chia-Samen und enthalten zudem viele Mineralstoffe sowie Antioxidantien, Calcium, Eisen und Zink.
  • Alternativen zu Goji-Beeren: Die vitamin- eiweiss- und mineralienreichen Beeren werden meist aus Asien importiert, obwohl sie auch hierzulande wachsen (Bocksdorn). Heimische Pendants können Hagebutte, Sanddorn sowie schwarze Johannisbeeren sein. Sie haben ebenfalls einen hohen Nährstoff- und Vitamingehalt.
  • Alternativen zu Quinoa: Die südamerikanischen Samen sind ein glutenfreies «Pseudogetreide», das reich an Eiweiss, Magnesium und Eisen sowie an essentiellen Aminosäuren, Mineralstoffen und Spurenelementen ist. Unsere lokale Alternative heisst Hirse. Sie enthält ähnliche Nährstoffe, gleichviel Eiweiss und viele Vitamine. Nur ihr Magnesium- und Eisengehalt ist etwas geringer.

Weitere lokale Superfoods sind zum Beispiel: Grünkohl, Radicchio, Feldsalat, Löwenzahn, Rote Beete, Spinat, Mangold, Leinsamen, Brennnesselsamen, Walnüsse, Himbeere, Pastinake, Sonnenblumenkerne und Giersch.

Zu viel des Guten

Wie du siehst, können es viele unserer heimischen Superfood-Alternativen durchaus mit ihren exotischen Cousins aufnehmen. Dabei sind sie frischer, preiswerter und vor allem ökologischer (sofern du sie saisonal und «bio» einkaufst). Nicht immer gibt es Ausweichmöglichkeiten. Die Avocado etwa steht in ihrer Nährstoffzusammensetzung ziemlich alleine da. Geniesse sie der Umwelt zuliebe also bewusst und massvoll.

Mass halten gilt übrigens bei allen antioxidativen Superfoods. Denn Antioxidantien können laut Experten im Überfluss schädlich für unseren Körper sein. Die Ernährungswissenschaftlerin Daniela Graf vom Max-Rubner-Institut warnt: «Antioxidantien wie sekundäre Pflanzenstoffe können, in grossen Mengen verzehrt, schädliche Wirkungen haben. Beispielsweise ist beschrieben, dass es zu Wechselwirkungen mit Medikamenten und zu einer schlechteren Aufnahme von Vitaminen kommen kann.» Die Ernährungsexpertin rät davon ab, Pillen oder Pulver einzunehmen, in denen Extrakte aus angeblichen Superfoods hoch konzentriert stecken. Achte bei Superfood deshalb möglichst auch auf den ORAC-Wert («Oxygen Radical Absorbing Capacity»), sofern dieser angegeben ist. Je höher der Wert, desto grösser die antioxidative Wirkung.

Last but not least: Superfood ist so gesund, wie es zubereitet wird. Ein extrem zuckerhaltiges Müesli oder Joghurt lässt sich durch ein paar Superfood-Beeren nicht gesünder machen. Entscheidend ist die ausgewogene Mischung aus gesunden Lebensmitteln.