Nahrungsmittelintoleranz: Eingebildet oder echt?

Bei Migros, Coop und den Discountern gibt es immer mehr gluten- und laktosefreie Produkte. Gemäss Befragungen ist in der Schweiz jeder Fünfte von einer Nahrungsmittelunverträglichkeit betroffen. Leiden wirklich immer mehr Menschen daran?

Vivien Wassermann

Nahrungsmittelintoleranz

© Elvira Koneva, de.123rf.com

Backen für eine Geburtstagsfeier in der Schule ist mittlerweile eine echte Herausforderung. Denn in fast jeder Klasse sitzt ein Kind oder sogar mehrere mit einer Unverträglichkeit. Zum Beispiel gegen das in verschiedenen Getreidesorten enthaltene Klebereiweiss Gluten oder gegen Milchprodukte, Früchte, Nüsse oder Eier.
Laut Angaben von Aha! Allergiezentrum Schweiz leiden bis zu 20 Prozent der Bevölkerung an einer Intoleranz. Nehmen Intoleranzen tatsächlich immer mehr zu oder bilden wir uns mögliche Unverträglichkeiten vielleicht nur ein? Die Wahrheit liegt wohl dazwischen.

Die Unverträglichkeit ist bei vielen nur ein Bauchgefühl

Die Autoimmunerkrankung Zöliakie (Glutenunverträglichkeit) ist beispielsweise bereits seit mehr als 2000 Jahren bekannt. Sie wurde schon im zweiten Jahrhundert v. Chr. in literarischen Quellen als «bauchige Krankheit» beschrieben. Während der Hungersnot im  2. Weltkrieg stellte schliesslich ein niederländischer Arzt fest, dass es den von Zöliakie betroffenen Kindern wegen der Unterversorgung im Brot plötzlich viel besser ging. Bis dahin war die Ursache für die Magen-Darm-Beschwerden noch nicht bekannt. Heute gelingt es aufgrund verbesserter Diagnosetechniken, auch bei Menschen mit Symptomen, die keine typischen Magen-Darm-Probleme hervorrufen – wie Wachstumsverzögerung, Müdigkeit oder Konzentrationsschwäche – eine Unverträglichkeit zu erkennen. Darüber hinaus gehen Forschende davon aus, dass sich auch unser verändertes Nahrungsangebot sowie Umwelteinflüsse auf die zunehmende Entwicklung von Unverträglichkeiten auswirken. Dennoch: Bei vielen Menschen ist die Intoleranz Gefühlssache und nicht ärztlich bestätigt. Dies hat eine aktuelle Studie der deutschen Krankenversicherung Pronova BKK mit 2000 Menschen gezeigt: Nur knapp die Hälfte der Befragten, die auf Laktose reagierten, hatte die Diagnose auch medizinisch abklären lassen. Dabei kann der übermässige Verzehr von Milchprodukten den meisten Menschen Probleme bereiten, ohne dass eine Intoleranz vorliegt. Auf das richtige Mass kommt es eben an. Bei der Glutenintoleranz hatten sogar nur 46 Prozent der Befragten eine medizinisch bestätigte Diagnose. Mehr als die Hälfte ernährte sich aus dem Gefühl heraus glutenfrei.

Ist die gluten- und laktosefreie Ernährung generell gesünder?

Auf Weizen, Hafer, Roggen und Dinkel verzichten, bringt nicht automatisch Gesundheitsvorteile mit sich. Gerade in glutenfreien Ersatzprodukten steckt häufig eine grössere Menge an Zucker und Fett, um sie schmackhaft zu machen, und eine geringere Menge an Ballast-  und Mineralstoffen. Auch weisen die gängigen glutenfreien Ersatzgetreide Reis und Mais einen tieferen Gehalt an B-Vitaminen auf als glutenhaltige Getreide. So empfiehlt Maja Dorfschmid, Ernährungsberaterin SVDE, auf glutenfreie Fertigprodukte nur gezielt und in ausgewählten Situationen zurückzugreifen. Im Gegensatz zur strikten Meidung von Gluten für Zöliakiebetroffene müssen die meisten Menschen mit Laktoseintoleranz nicht gänzlich auf laktosehaltige Produkte verzichten. Viele haben mit kleineren, über den Tag verteilten Portionen wenig Probleme. Denn auch der vollständige Verzicht auf Milch(-produkte) kann problematisch sein, da wir dadurch leicht einen Kalziummangel erleiden können. Diesem kann zum Beispiel mithilfe des Verzehrs von viel grünem Gemüse, Nüssen und dem Trinken von kalziumreichem Mineralwasser vorgebeugt werden. Eine gute Alternative sind zudem laktosefreie Milchprodukte. Hierbei handelt es sich um speziell aufbereitete Kuhmilch(-produkte) mit einer Restlaktosemenge von weniger als 0,1 Gramm pro 100 Gramm. Die übrigen Inhaltsstoffe bleiben hierbei erhalten.

Die häufigsten Unverträglichkeiten im Überblick

Laktose
Reaktion auf Milchzucker (Laktose), der natürlicherweise in Milch(-produkten) vorkommt, teils aber auch in Fertigprodukten, Gewürzzubereitungen und Medikamenten. Die sichere Diagnose erfolgt über den H2-Atemtest und einen Gentest. Mittlerweile gibt es viele verschiedene pflanzliche Milchalternativen.

Gluten
Zöliakie ist eine Autoimmunerkrankung, die in jedem Alter auftreten kann. Die Aufnahme von Gluten, ein in verschiedenen Getreidesorten enthaltenes Klebereiweiss, führt bei Betroffenen zu einer Schädigung der Dünndarmschleimhaut, sodass Nährstoffe schlechter aufgenommen werden. Längerfristig geht ein Nichteinhalten einer strikt glutenfreien Diät mit weiteren Gesundheitsproblemen wie z.B. Unfruchtbarkeit, dem höheren Risiko für Diabetes und anderen Autoimmunerkrankungen sowie einem erhöhten Darmkrebsrisiko einher. Eine sichere Diagnose ist nur vor der Ernährungsumstellung möglich. Sie beinhaltet einen Bluttest auf die spezifischen Antikörper sowie eine Dünndarmspiegelung mit Gewebeentnahme.

Histamin
Ein Prozent der Schweizer ist von einer Histaminintoleranz betroffen. Ärzte gehen davon aus, dass es hierbei zu einem Missverhältnis zwischen dem Angebot und dem Abbau von Histamin kommt. Lebensmittel, die wahrscheinlich eine Reaktion auf Histamin auslösen können, sind vor allem lang gereifte oder gelagerte Speisen und Getränke wie Rotwein (und sonstiger Alkohol), Wurst, Sauerkraut, Makrele, lang gereifter Käse; zudem auch schwarzer Tee, Mate-Tee, Farbstoffe, Zitrusfrüchte. Es gibt keine eindeutige Diagnose. Zuerst sollten Nahrungsmittelallergien und andere Unverträglichkeiten sowie Erkrankungen ausgeschlossen werden. Wenn sich die Beschwerden durch histaminarme Ernährung bessern, kann dies ein Hinweis sein.

Fruktosemalabsorption
Hierbei ist die Aufnahme von Fruchtzucker (Fruktose) durch die Darmzellen vermindert. Fruchtzucker ist in Kern- und Steinobst sowie in Säften und Honig enthalten. Zudem wird Fruktose auch kalorienreduzierten Softdrinks und Lebensmitteln zugesetzt.
aha! Allergienzentrum Schweiz empfiehlt Betroffenen, sich während der Diagnosestellung «maximal zwei Wochen fruktosearm zu ernähren und auf Zuckeralkohole zu verzichten (Karenzphase). Anschliesend wird in einer Testphase die individuelle Verträglichkeit der Fruktose ermittelt. Dazu wird die Zufuhr der Menge an fruchtzuckerhaltigen Lebensmitteln schrittweise gesteigert.»

Nahrungsmittelallergien: Achtung Lebensgefahr!

Bei einer Nahrungsmittelintoleranz hat der Körper die Fähgikeit (teilweise) verloren bzw. nie besessen, einen bestimmten Stoff zu verdauen. Bei einer Nahrungsmittelallergie hingegen – etwa zwei bis sechs Prozent der Bevölkerung sind davon betroffen – reagiert der Körper auf pflanzliche oder tierische Eiweisse (Allergene). Dies macht sich häufig durch Juckreiz und Schwellungen im Mund und Rachen bemerkbar. Es kann aber auch zu Erbrechen und Hautreaktionen bis zum gefährlichen allergischen Schock kommen. Häufige Auslöser bei Erwachsenen sind Erdnüsse, Meeresfrüchte, Nüsse oder Sesam; bei Kindern Kuhmilch, Eier, Nüsse oder Erdnüsse.