Gesund sein beginnt im Kopf

Zielgerichtete Gedanken sind für die Gesundheit so wichtig wie Bewegung und gesunde Ernährung. Zu diesem Schluss kommt die Pathologin und Universitätsdozentin Dr. Katharina Schmid anhand aktueller Erkenntnisse aus verschiedenen naturwissenschaftlichen Disziplinen. Wir haben die Ärztin gefragt, was es mit der Heilkraft der Gedanken auf sich hat und wie man sich «gesund denken» kann.

Catherina Bernaschina

Dr. Schmid, Sie meinen, wir können mittels Gedanken unsere Gesundheit beeinflussen?  

Täglich denken wir rund 50.000 bis 70.000 Gedanken, die meisten davon sind uns nicht bewusst. Davon sind ca. 70% flüchtige Gedanken, sie beeinflussen unsere Gesundheit kaum. Nur die Gedanken, die wir mit intensiven Gefühlen und inneren Bildern bzw. Erfahrungen assoziieren, haben längerfristig gesehen einen grossen Einfluss auf unsere Gesundheit.

Lässt sich gesundheitsförderndes Denken lernen?

Selbstverständlich. Wir Menschen sind in der Lange, uns Gedanken bewusst zu machen und in Denkvorgänge einzugreifen. Wir können unseren Gedanken Macht und Einfluss verleihen, indem wir sie mit intensiven Bildern, Erfahrungen und Gefühlen assoziieren. Dazu müssen wir jedoch unsere verschiedenen Gehirnregionen in Einklang bringen, die unterschiedliche – instinktive oder rationale – Ziele verfolgen und oft im Widerstreit sind. Damit dies gelingt, müssen wir uns immer wieder bewusst Phasen der Ruhe und Entspannung gönnen und lernen, Zielbilder zu kreieren, die sowohl älteren Gehirnarealen als auch neueren gefallen.

Haben Sie ein praktisches Beispiel?

Zielgerichtetes Denken ist eine effektive Methode, um sich auf eine Operation gedanklich vorzubereiten. Wichtig ist dabei die Konzentration auf das, was man möchte, statt auf das, was man nicht möchte. Das heisst, sich darauf zu fokussieren, was man nach der Operation alles Schönes macht, statt auf die Ängste, was alles schiefgehen könnte. Denn das Gehirn versteht das Wort «NICHT» nicht. Denken Sie nicht an einen rosa Elefanten – und schon haben Sie das Bild eines Elefanten im Kopf. Gedanken wie «Ich möchte nicht krank sein» sind daher wenig hilfreich. Besser ist der Gedanke «Ich bin gesund». Und zwar nicht im Sinne von schönreden, sondern von klaren Zielbildern, die in der Gegenwart formuliert werden. Positive Affirmationen können Stressreaktionen des Körpers entgegenwirken und das Immunsystem stärken. Längerfristig können wir mit neuen Gedanken sogar die Genregulation beeinflussen. Das ist insofern wichtig, weil wir unser Gedankengut in dieser Form auch an unsere Nachkommen weitergeben.

Wie einfach ist zielgerichtetes Denken im Alltag umsetzbar?

Nehmen Sie zum Beispiel den Gedanken über sich selbst. Viele Menschen mögen sich selbst nicht richtig. Um hier umzudenken, muss der neue Gedanke «Ich mag mich» erst bewusst einstudiert werden. So wie beim Erlernen einer neuen Sprache oder Sportart. Aber schliesslich festigen sich neue Gedanken und man denkt sie automatisch. Dieser Prozess kann mitunter einige Monate oder sogar Jahre dauern. Es lohnt sich, dran zu bleiben und sich zwischendurch immer wieder für viele kleine Zwischenschritte zu loben und anzuerkennen. Das fördert auch das Zusammenspiel von entwicklungsgeschichtlich unterschiedlich alten Hirnstrukturen.

Positive Gedanken

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Mit welchen wissenschaftlichen Erkenntnissen lässt sich die Kraft der Gedanken erklären?

Abseits von Esoterik und positivem Denken zeigen Forschungsergebnisse aus der angewandten Hirnforschung, Epigenetik, Psychoneuroimmunologie und Quantenmedizin wie es funktioniert. Gedanken erzeugen elektromagnetische Ströme und Veränderungen auf Quantenebene, die mit dem Umfeld interagieren. Es scheint so zu sein, dass zielgerichtete Gedanken einen Mechanismus bilden, mit dem sich Wirklichkeit schaffen lässt. Das passiert nicht nur auf atomarer Ebene, wie in Experimenten der Quantenphysik vielfach bewiesen. Es zeigt sich auch an sichtbaren Veränderungen von menschlichem Gewebe: Werden die gleichen Gedanken wiederholt gedacht, beeinflussen sie schliesslich die neuronalen Netzwerke im Gehirn. Neue Synapsen, also Verbindungen von Nervenzellen, bilden sich aufgrund der Wiederholung bestimmter Gedanken und sorgen für deren Verstetigung. Für diese Entdeckung erhielt der Mediziner und Neurowissenschaftler Eric Kandel im Jahr 2000 den Nobelpreisträger für Medizin.

Was bedeuten diese Erkenntnisse für unsere medizinische Zukunft?

Die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse schlagen eine Brücke zu alten Medizintraditionen. Der Zusammenhang zwischen der eigenen Art zu denken und der Gesundheit ist etwa in der Traditionellen Chinesischen Medizin stets berücksichtigt worden. Die neuesten Erkenntnisse weisen den Weg zu einer globalen ganzheitlichen Medizin, mit der wir die Trennung von Psyche und Körper überwinden. Die wissenschaftsbasierte Medizin muss endlich die antiquierten Grundlagen der klassischen Physik aufgeben und sich auf die Basis der modernen Quantenphysik stellen. Werden die Erkenntnisse der Quantenphysik in die medizinische Forschung mit einbezogen, stehen wir vor einem neuen Quantensprung in der modernen Medizin. Denn sie erklärt, weshalb zielgerichtete Gedanken nahezu in Lichtgeschwindigkeit alle Körperzellen erreichen und warum eine gute Arzt-Patientenbeziehung für die Genesung eines Patienten von grosser Bedeutung ist.

Die Autorin Priv.-Doz. Dr. med. univ. Katharina Schmid, geboren 1969 in Wien, studierte an der Medizinischen Universität Wien und promovierte 1997. Danach schloss sie eine Facharztausbildung zur Pathologin ab. Seit 2009 ist sie selbstständige Ärztin in Straubing, Bayern. 2011 habilitierte sie zur Privatdozentin im Rahmen einer langjährigen Lehr- und Forschungstätigkeit. Sie ist Autorin vom Buch Kopfsache gesund – Die Wissenschaft entdeckt die Heilkraft der Gedanken. Das Buch ist beispielsweise bei Weltbild oder Orell Füssli erhältlich.

Positive Gedanken