Lösen Probiotika das Problem der Antibiotika?

Kinder, die regelmässig Probiotika zu sich nehmen, haben offenbar einen besseren Infektionsschutz und erhalten weniger Antibiotika. Diese neue Erkenntnis könnte unseren Umgang mit Antibiotika wesentlich verändern. Denn nach wie vor werden in der Schweiz und auf der ganzen Welt viel zu häufig Antibiotika verschrieben.

Catherina Bernaschina

Probiotika

© Geza Farkas, shutterstock.com

Antibiotika sind unverzichtbar, um unsere Gesundheit zu schützen. Sie sind ein wichtiges Mittel für die Behandlung bakterieller Infektionen. Und dennoch: Fast 30 Prozent aller Antibiotikaverordnungen sind mit Blick auf die Diagnose fragwürdig. Zu diesem Schluss kommt eine Arzneimittel-Datenanalyse der deutschen Krankenkasse DAK-Gesundheit.* Zwar ist in der Schweiz der durchschnittliche Antibiotikaverbrauch pro Einwohner in der ambulanten Medizin geringer als der Verbrauch in den EU-Ländern*. Nichtsdestotrotz werden auch hierzulande Antibiotika oft unnötigerweise verschrieben. Die übermässige und unsachgemässe Versorgung mit Antibiotika birgt grosse Risiken: Aufgrund des häufigen Einsatzes von Antibiotika entwickeln immer mehr Bakterien Resistenzen gegenüber diesen Medikamenten und bedrohen zunehmend unsere Gesundheit. Infektionen werden lebensgefährlich, weil Antibiotika ihre Wirkung verlieren.

Nicht nur ein nationales Problem

Damit die Resistenzbildung eingedämmt werden kann und unsere Ärzte nicht unnötig Antibiotika verschreiben, hat der Bund die «Nationale Strategie Antibiotikaresistenzen StAR» lanciert. Die Strategie liefert konkrete Massnahmen, die einen sorgfältigeren Umgang mit Antibiotika und den Erhalt ihrer Wirksamkeit anstreben. Doch Antibiotikaresistenzen sind nicht nur ein nationales Problem. Sie gehören heute angesichts des weltweit steigenden Antibiotikagebrauchs und der damit zunehmenden Resistenzbildungen zu den wichtigsten globalen Herausforderungen. Allein in den USA werden jedes Jahr rund zwei Millionen Fälle von antibiotikaresistenten Infektionen verzeichnet, wovon ca. 23‘000 tödlich enden. Quelle: Centers for Disease Control and Prevention

Probiotika und ihre Wirkung

Eine neue Möglichkeit, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, sieht die Wissenschaft in der vorbeugenden Einnahme von Probiotika. Bei Probiotika handelt es sich um gesunde, darmfreundliche Bakterienstämme, die man in Form von Präparaten einnehmen kann.  Die Präparate enthalten eine Mischung von verschiedenen nützlichen Laktobakterien- und Bifidobakterienstämmen, die eine gestörte Darmflora wieder ins Gleichgewicht bringen. Zudem helfen sie, den Gesamtgesundheitszustand zu verbessern. Denn je gesünder der Darm, desto stärker das Immunsystem. Zum Einsatz kommen Probiotika beispielsweise bei infektiösem Durchfall. Doch auch während und nach einer Antibiotikatherapie werden Probiotika angewendet. Einerseits reduzieren sie das Risiko antibiotikabedingter Durchfälle. Andererseits schützen sie die Darmflora vor der aggressiven Wirkung von Antibiotika.

Mit Probiotika Antibiotikabedarf reduzieren

Eine Gruppe von US-amerikanischen, englischen und niederländischen Forschern hat die Verbindung von Probiotika und Antibiotika weiter untersucht. Anhand einer Metaanalyse fanden sie heraus, dass Kleinkinder und Kinder, die täglich Probiotika als Nahrungsergänzung einnahmen, um 29 Prozent seltener auf Antibiotika angewiesen waren. Offenbar haben Probiotika eine vorbeugende Wirkung, die vor Krankheiten schützt. Für die Forscher sind die kürzlich im European Journal of Public Health veröffentlichen Ergebnisse der Studie sehr faszinierend. Denn sie weisen darauf hin, dass die regelmässige Aufnahme von Probiotika tatsächlich ein Weg sein könnte, um den Einsatz von Antibiotika zu reduzieren.

Weitere Studien erforderlich

«Wir haben bereits konkrete Beweise dafür, dass die Einnahme von Probiotika das Vorkommen, die Dauer und den Schweregrad einiger Arten von akuten Atemwegs- und Magen-Darm-Infektionen reduziert. Nun wissen wir auch, dass diese Reduktion mit einem Rückgang des Antibiotikagebrauchs zusammenhängt», so Studienleiter Dr. Daniel Merenstein, Professor an der Georgetown University School of Medicine. Doch noch sind weitere Studien erforderlich, die diese Beziehung in allen Altersgruppen prüfen. «Sollte sich bestätigen, dass die dauerhafte Verwendung von Probiotika mit einem generellen Rückgang von Antibiotikaverschreibungen verbunden ist, so könnte dies eine enorme Auswirkung auf die Verwendung von Probiotika in der Allgemeinmedizin haben», so Studienautorin Dr. Sarah King, Cambridge/UK.

*Quelle: Bundesamt für Gesundheit (BAG)