Mit guten Vorsätzen ins neue Jahr

Prof. Katja Cattapan, Psychotherapeutin und Chefärztin am Sanatorium Kilchberg, erklärt im folgenden Interview, wie wir unsere Belastbarkeit stärken können und wie es mit der Umsetzung der guten Vorsätze im neuen Jahr klappt.

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Daten belegen, dass immer mehr Menschen unter Unruhe, Schlafstörungen, Reizbarkeit und Energiemangel leiden. Sind wir heute nicht mehr so belastbar?

Jede Zeit hat ihre Herausforderungen. Wir leben in der Schweiz in einer Zeit von langem Frieden. In den westlichen Staaten gibt es seit dem zweiten Weltkrieg kaum Mangel. Dafür sind wir heute stressbedingten Belastungen zunehmend ausgesetzt, und immer mehr Menschen leiden an stressbedingten Erkrankungen. Die Digitalisierung, die schnelle Informationsverarbeitung und Multitasking sind für unser Gehirn eine grosse Herausforderung. Heute haben immer mehr Berufsleute eine volle Agenda, und die Anforderungen an die Produktivität der Arbeitnehmenden sind stark gestiegen. Während sich frühere Generationen vor allem über ihre Familie und Herkunft definiert haben, identifizieren wir uns über Leistung und Erfolg im Job. Früher waren davon vor allem Männer betroffen, heute sind es auch die Frauen. Wir wollen uns selbstverwirklichen und sind täglich mit vielen Entscheidungsmöglichkeiten konfrontiert, die auch zur Last fallen können. Früher trat der Sohn des Schusters in die Fussstapfen seines Vaters, heute stehen uns beruflich unzählige Möglichkeiten offen. Im Supermarkt haben wir nicht die Wahl zwischen vier Joghurtsorten, sondern zwischen fünfzig oder mehr. Aufgrund unserer räumlichen und sozialen Mobilität haben sich die Familienstrukturen und die Beziehungen zum Umfeld verändert. Dadurch fehlt es uns oft an Unterstützung. Zudem ist das Wir-Gefühl heute kleiner. Viele Menschen leben auch nicht mehr nach einem festen Rhythmus: Mahlzeiten werden unregelmässig zwischen zwei Conference-Calls eingenommen. Dass sich alle Familienmitglieder zu gemeinsamen Mahlzeiten treffen, ist heute längst keine Selbstverständlichkeit mehr.

Wie können wir unsere Resilienz, also unsere Belastbarkeit stärken?

Indem wir den Autopiloten immer wieder mal ausschalten und uns überlegen, was uns guttut. Die soziale Vernetzung stärkt uns. Deshalb ist es wichtig, Freundschaften zu pflegen und sich gegenseitig zu unterstützen. Wir müssen unser Leben aktiv gestalten und uns in jeder Lebensphase fragen, was uns wichtig ist und was uns früher Freude gemacht hat. Der Jahreswechsel ist ein guter Zeitpunkt für solche Überlegungen. Die Einteilung unseres Tages in Ruhe- und Aktivitätsphasen und regelmässige Mahl- und Schlafenszeiten machen uns stärker.

Wie können wir die Resilienz bei Kindern fördern?

Zentral sind hier stabile Bindungen zu verlässlichen Bezugspersonen, die sich Zeit für das Kind nehmen. Ein weiterer zentraler Punkt ist, dass die Eltern die Selbstwirksamkeit ihres Kindes von klein auf fördern. Kinder, denen nicht alles abgenommen wird, die lernen, Hürden zu überwinden, sind belastbarer als Kinder, die sich nie als selbstwirksam erleben dürfen. Genetische Faktoren spielen jedoch ebenfalls eine Rolle, wenn es um die Resilienz geht.

Der Jahresbeginn ist für viele der Zeitpunkt der guten Vorsätze. Wie sinnvoll sind solche Vorsätze, wie zum Beispiel «Ich will abnehmen» oder «Ich will mehr Sport treiben»?

Grundsätzlich muss man wissen, dass es nichts Schwierigeres gibt, als sein Verhalten zu ändern. Deshalb sind viele Diäten von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Damit sich Vorsätze in die Tat umsetzen lassen, sollte man sich Zeit für eine Standortbestimmung nehmen. Da gehören Fragen dazu wie: Was ist mir wirklich wichtig? Was möchte ich verändern? Was möchte ich beibehalten? Woran bin ich in der Vergangenheit gescheitert? Welches könnten Hindernisse sein? Je konkreter und realistischer man einen Vorsatz fasst, desto grösser sind die Chancen der Umsetzung. Der Vorsatz «Ich möchte am Freitag nach der Arbeit regelmässig ins Fitnesszentrum gehen» ist besser als der Vorsatz «Ich möchte mich mehr bewegen». Am besten trägt man diesen Termin in die Agenda ein und packt die Sporttasche frühzeitig ins Auto. Ich litt aufgrund eines Bandscheibenvorfalls an Rückenproblemen. Seit ich angefangen habe, meine Gymnastikmatte schon am Vorabend auszurollen und das zehnminütige Rückenprogramm in mein Morgenritual einzubauen, klappt es besser mit der Umsetzung. So muss ich nicht mehr überlegen, wann ich die Übungen machen soll, sondern ich mache sie einfach. Therapeutische Hilfe empfehle ich, wenn jemand destruktive Verhaltensmuster verändern will. Dazu gehören zum Beispiel hoher Alkoholkonsum oder Stress-Essen.

Wie kann man das neue Jahr entspannter angehen?

Um Stress abzubauen, empfehle ich, einmal pro Tag Entspannungsübungen zu machen. Oft reichen fünf Minuten aus. Hilfreich sind zum Beispiel Atemübungen oder progressive Muskelrelaxation. Damit kann man sich etwas Gutes tun. Oft sind es die kleinen Dinge im Leben, die einen grossen Unterschied bewirken.

Prof. Katja Cattapan ist Stellvertretende Ärztliche Direktorin und Chefärztin Psychotherapie- und Privatstationen am Sanatorium Kilchberg.