Warum Sport bei Rheuma notwendig ist

Studien zeigen, dass Bewegung bei vielen rheumatischen Erkrankungen eine wirksame Medizin ist. Und dies mit geringsten Nebenwirkungen! Wie man am besten in Schwung kommt, wieso Sport vor Folgeerkrankungen schützen kann und worauf beim Sporttreiben geachtet werden sollte, erklärt der Sportmediziner Christian Schlegel. Dr. med. Christian Schlegel ist Facharzt FMH Physikalische Medizin und Chefarzt im Swiss Olympic Medical Center Grand Resort Bad Ragaz AG

Herr Dr. med. Christian Schlegel, warum ist es gerade für Rheuma-Patienten wichtig, Sport zu treiben?

Regelmässige körperliche Bewegung ist für jeden Menschen essenziell und lebensnotwendig. Speziell Rheumapatienten haben wegen ihrer schmerzbedingten Inaktivität häufig einen Muskelrückgang, wodurch die Gelenke weniger stabilisiert werden. Zusätzlich ist bei Bewegungsmangel die Entzündungslage im Körper erhöht. Aber auch für das psychische Wohlbefinden ist körperliche Bewegung enorm wichtig und hilft zusätzlich auch bei der Schmerzverarbeitung.

Auch für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind Rheumatiker besonders gefährdet. Inwiefern hilft hier Sport?

Durch das regelmässige sportliche Training, insbesondere das Ausdauertraining, können die Blutfette reduziert werden, der Blutdruck wird längerfristig gesenkt, ebenfalls die Herzfrequenz. Ausserdem wirkt körperliches Training entzündungshemmend, dies konnte auch biochemisch nachgewiesen werden. Dadurch ist auch das Risiko für Entzündungen und Ablagerungen in den Gefässen reduziert.

Darüber hinaus bringt Bewegung noch weitere positive Aspekte mit sich…

Wir wissen, dass bei Übergewicht und erhöhtem Fettanteil über hormonell aktive Stoffe die Entzündung verstärkt wird. Interessanterweise haben Übergewichtige nicht nur vermehrt Kniegelenksarthrosen, was aufgrund des Gewichtes zu erwarten wäre, sondern auch vermehrt Fingergelenksarthrosen. Beides kann durch Gewichtsreduktion positiv beeinflusst werden.

Welches sind die besten Sportarten für Rheumatiker?

Es empfiehlt sich ein moderates Ausdauertraining mit geringer Gelenkbelastung. Dazu gehört Radfahren, aber auch Schwimmen, wobei insbesondere für Knie- und Hüftgelenke der Kraulschlag der Beine besser geeignet ist. Auch ein gezieltes Krafttrainingsprogramm ist sehr wichtig, um eine optimale Stabilisierung der Gelenke zu erreichen und auch die Sturzgefahr zu reduzieren.

Wie oft sollte man trainieren?

Ideal wären drei Trainingseinheiten pro Woche.

Und wenn es dabei irgendwo zwickt oder schmerzt?

Ein Training mit Schmerzen sollte grundsätzlich vermieden werden. Einerseits ist dies ein Signal für eine ungünstige Belastung, andererseits ist der Trainingseffekt bei Schmerzauslösung deutlich geringer.

Was müssen Menschen nach rheumachirurgischen OP wie künstlichem Gelenkersatz beachten?

Dies hängt sehr vom operierten Kniegelenk ab und auch von der gesamten Konstitution des Patienten. Generell kann gesagt werden, dass Sportarten, die bereits vor dem Gelenkersatz ausgeübt wurden, auch nachher wieder aufgenommen werden können. Ich empfehle aber jeweils eine physiotherapeutische und ärztliche Beurteilung und einen gezielten Aufbau vor Aufnahme dieses Trainings.

Welche Sportarten sind generell eher ungünstig?

Erfahrungsgemäss habe ich die grösste Zahl verletzter Patienten aus dem Bereich Spiel/Sport; speziell Fussball, Skifahren und Joggen. Es sind also Sportarten, die mit Sprung- und Schnellkraftbelastungen und vor allem im Spielsport mit «Stop-and-go»-Bewegungen verbunden sind.

Wenn nun aber jemand leidenschaftlich gern Ski fährt, joggt oder Fussball spielt?

Die sportliche Tätigkeit muss mit jedem Patienten individuell diskutiert werden. Dabei muss das operierte beziehungsweise erkrankte Gelenk berücksichtigt werden, ferner die Kraftsituation, die koordinativen Fähigkeiten und die technischen Voraussetzungen, um die Sportart auszuüben. Nach einem Gespräch mit einem in diesem Bereich geschulten Arzt kann man sich sehr schnell auf die geeignete Bewegungsform einigen.

Wie geht man nach einer Gelenkverletzung vor: erst einmal schonen?

Das Gelenk sollte im Rahmen der Möglichkeiten und unter Berücksichtigung des Verletzungsmusters möglichst weiter bewegt werden, jedoch nur unter kontrollierten Bedingungen. Gleichzeitig wird versucht, die Muskulatur aufzubauen und den Bewegungsablauf zu optimieren. Die Rückkehr zum Sport wird individuell festgelegt.

Gibt es eine Obergrenze für das Sporttreiben?

Die Realität in unserer zivilisierten Welt ist so, dass nur ein minimaler Anteil der Bevölkerung zu viel Sport treibt. Entsprechend ist dies eigentlich kaum ein Thema. Das Problem des Bewegungsmangels steht weit im Vordergrund.

Wie kann man sich dauerhaft motivieren?

Fixes Eintragen der Trainingstage in der Agenda. Gemeinsames Training mit Freunden zu verbindlichen Zeiten. Ein teures Abo im Fitnesszentrum oder für Kurse motiviert immer noch am besten.