Wie die Psyche die Verdauung beeinflusst

Kurz vor der Aufnahmeprüfung oder dem Jahresgespräch mit dem Chef rumort es bei manchen Menschen im Bauch. Sie leiden an Übelkeit oder müssen ständig zur Toilette rennen, weil der Magen oder Darm rebelliert. Unsere Verdauung ist enger mit unserer emotionalen Verdassung verbunden als bisher angenommen.

Susanna Steimer Miller

Zwischen unserem Gehirn und unserem Verdauungstrakt besteht ein direkter Draht. Bereits der Gedanke an Essen führt dazu, dass unsere Magenschleimhaut Magensaft produziert, und zwar noch bevor wir den ersten Bissen runtergeschluckt haben. Unsere Verdauung wird durch ein komplexes System von 100 Millionen Nerven gesteuert, das uns zum Beispiel zur Darmentleerung auffordert, wenn sich unser Magen nach dem Essen ausgedehnt hat. Manche Fachleute bezeichnen das Nervensystem in unserem Verdauungstrakt gar als unser zweites Gehirn, weil es jeden Aspekt des Verdauungsprozesses regelt und gewisse Ähnlichkeiten mit unserem Gehirn im Kopf hat. Während sich die Nahrung auf die Reise durch unseren langen
Verdauungstrakt macht, stehen das Gehirn im Kopf und im Bauch in permanenter Verbindung. Die Kommunikation zwischen dem Nervensystem im Magen und Darm und dem zentralen Nervensystem im Gehirn funktioniert in beide Richtungen und ist anfällig für Störungen.

Einflussfaktor Stress

Die Verdauung kann durch akuten, aber auch durch langfristigen Stress beeinträchtigt
werden. Dr. Daniel Pohl, Leiter der Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie am UniversitätsSpital Zürich, erklärt den Einfluss von akutem Stress wie
folgt: «Unsere Vorfahren mussten bei einer Bedrohung entweder kämpfen oder fliehen. Auch heute noch reagiert unser Körper zum Beispiel bei grosser Angst auf gleiche Weise: Er schüttet vermehrt das Stresshormon Adrenalin aus, unser Herz schlägt schneller und das Blut wird kaum mehr in den Darm gepumpt, sondern fliesst vor allem ins Gehirn und in die Muskeln, um diese zu aktivieren. Die Verdauung wird praktisch eingestellt.» Die Folge können Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Appetitlosigkeit sein. Bei langfristigem Stress sieht die Situation anders aus. Unser Körper produziert mehr vom Hungerhormon Ghrelin und vom Stresshormon Cortisol, das den Stoffwechsel ankurbelt, wodurch wir mehr essen.
Das Gehirn ist permanent aktiviert und benötigt für seine Funktion viel Traubenzucker
(Glukose). All diese Prozesse führen dazu, dass die meisten Betroffenen bei chronischem Stress mehr Energie zu sich nehmen als ihr Körper verbraucht, und sie legen an Gewicht zu. Laut Daniel Pohl ist aber bis heute unklar, weshalb chronischer Stress bei den einen Menschen zu Durchfall und bei den anderen zu Verstopfung oder auch zu beidem im Wechsel führt.

Auswirkungen auf die Psyche

Eine gute Verdauung trägt wesentlich zu unserem Wohlbefinden bei. Verdauungsprobleme
können sowohl die Ursache als auch die Folge von Ängsten und Stress sein. Das trifft zum Beispiel beim Reizdarmsyndrom zu, bei dessen Entstehung die Psyche eine Rolle spielen kann, aber nicht muss. Viele Reizdarmpatienten erfahren am eigenen Leib, dass eine nicht optimale Verdauung die psychische Verfassung beeinträchtigen kann. Weltweit sind etwa sieben Prozent der Bevölkerung von diesem Problem betroffen. Klassische Symptome sind Bauchschmerzen, die sich vor oder nach dem Toilettengang verändern, und der Wechsel der Stuhlbeschaffenheit (Konsistenz und Frequenz).
Während die einen Patienten an Durchfall oder an Verstopfung leiden, sind andere abwechslungsweise von beiden Verdauungsstörungen betroffen. Blähungen sind ebenfalls ein häufiges Symptom. Die Lebensqualität wird durch das Reizdarmsyndrom enorm eingeschränkt, und der Leidensdruck ist vergleichbar mit jenem von Menschen mit entzündlichen Darmerkrankungen. Einige Betroffene trauen sich kaum mehr aus dem Haus, ohne vorher die WC-Situation abzuklären. Auch im Geschäftsmeeting oder beim ersten Date kommt Durchfall immer ungelegen.
Oft dauert es eine Weile, bis die Diagnose Reizdarmsyndrom feststeht. Das lässt manche Patienten fast verzweifeln. Sie suchen nach Erklärungen für die teils heftigen Schmerzen im Verdauungstrakt und sind frustriert, wenn keine klar erkennbare Ursache gefunden wird. Für manche Betroffene ist die Zeit der Ungewissheit eine Tortur, weil sie fürchten, an einer bedrohlichen Erkrankung wie zum Beispiel an Darmkrebs zu leiden. Belastend ist laut Daniel Pohl aber auch, dass manche Ärzte diese Krankheit, die durch verschiedene Faktoren verursacht wird, nicht ernst nehmen. Er sagt: «Aussagen, wie ‹Sie haben nichts›, sind falsch und für Reizdarmpatienten wie ein Schlag ins Gesicht.»

Tipps für eine gute Verdauung

  • Ausgewogene Ernährung
  • Vermeiden von grossen und schweren Mahlzeiten, insbesondere am Abend
  • Trinken von 1,5 bis 2 Liter Wasser pro Tag
  • Bei Blähungen: Verzicht auf Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Zwiebeln, Knoblauch und Frischmilch
  • Essen in Ruhe geniessen (langsam essen, gut kauen)
  • Bewegung von mindestens 30 Minuten dreimal pro Woche
  • Vermeiden von Stress und Ärger
  • Zeit lassen beim Gang zur Toilette
  • Ausreichend schlafen